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Internationalisierung von Studiengängen

Andreas Schwill, Universität Potsdam
 

Seit einigen Jahren werden öffentliche Diskussionen um die Hochschulen in Deutschland von einer Vielzahl von Stichwörtern beherrscht, darunter Profilbildung, Internationalisierung, Credit Point, ECTS, Bachelor, Master, Evaluation, Ranking, postgraduales Studium, Autonomie, Controlling, Strukturreform, Qualität u.v.m. Das geballte Auftreten dieser Begriffe und die aktionistischen Tendenzen, die von ihnen ausgehen, vermitteln nach außen den Eindruck eines völlig darniederliegenden Hochschulsystems in Deutschland.

Da Informatik und Informationstechnologie wegen ihrer besonderen Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland und die zukünftige Gesellschaft national wie international besonders im Wettbewerb und im Blickfeld der Öffentlichkeit stehen, wirken sich Defizite ggf. hier besonders gravierend aus. Nahezu alle Informatikfachbereiche Deutschlands haben bereits auf die neuen Herausforderungen reagiert und ihre Studienangebote entsprechend der neuen Rahmenbedingungen fortgeschrieben.

Wir wollen in der folgenden Serie von Beiträgen die aktuellen Tendenzen der Hochschulstrukturreform vorstellen und eine Reihe dieser Begriffe, jeweils mit Bezug zur Informatik, erläutern und den Informatiklehrkräften so ermöglichen, Entwicklungen bei der Planung des Informatikunterrichts zu berücksichtigen und eine gewisse Beratungsfunktion wahrzunehmen, wenn - wie zu erwarten ist - mehr und mehr Fragen zu diesem Komplex und zur Wahl des Studienfachs Informatik von den Schülern an sie herangetragen werden.

Der erste Beitrag befaßt sich mit den Ursprüngen und Maßnahmen der Internationalisierungsbestrebungen im Hochschulbereich.

Hintergründe und Defizite des Hochschulstandorts Deutschland

Wesentlicher Ausgangspunkt für die in dieser Artikelserie vorgestellten Konzepte und Anstrengungen zur Hochschulreform ist eine gemeinsame Presseerklärung des Bundesministers für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, Jürgen Rüttgers, und des Bundesministers des Auswärtigen, Klaus Kinkel, vom Mai des Jahres 1996. Darin wird ein Maßnahmenpaket zur Steigerung der Attraktivität des Wissenschafts- und Studienstandorts Deutschland im internationalen Wettbewerb vorgestellt [13]. Im Dezember 1996 verabschiedeten der Bundeskanzler und die Ministerpräsidenten eine Gemeinsame Erklärung zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Studienstandortes Deutschland [5]. Schließlich wurden mit der Verabschiedung des Hochschulrahmengesetzes 1998 [6] die gesetzlichen Grundlagen für die Strukturreform geschaffen.

Eine Vielzahl von Gründen für die schwindende Konkurrenzfähigkeit deutscher Hochschulen im internationalen Vergleich wurde damals angeführt [3]:

Maßnahmenbündel zur Verbesserung des Hochschulstandorts Deutschland

Folgende Maßnahmen bilden die tragenden Pfeiler der Strukturanpassungen und sind bereits an vielen Hochschulen (Fachhochschulen und Universitäten) in der Entwicklung oder realisiert:
 

Bachelorstudiengang

Zur Verkürzung der Studienzeit, zur Verringerung der Zahl der Studienabbrecher ohne berufsqualifizierenden Abschluß und zur Erhöhung der Kompatibilität im internationalen Raum dient der neue Studienabschluß des Bachelor/Bakkalaureus, der für die Informatik mit dem Zusatz "of Science"/"of Computer Science"/"Informatik" o.ä. und ggf. der Hochschule versehen wird, an der er erworben wurde. Letzteres orientiert sich an internationalen, insbes. nordamerikanischen Usancen, nach denen wegen der erheblichen Qualitätsunterschiede dort vergebener Bachelorgrade erst der Name der Universität Rückschlüsse auf den Wert des Grades liefert.

Nach Empfehlungen des Wissenschaftsrates [11] dauert das Bachelorstudium mindestens 6 und höchstens 8 Semester. Es führt zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluß, der die Absolventen befähigt, die wissenschaftlichen Methoden des Faches anzuwenden, eine fachlichen Systematik und Begrifflichkeit ausbildet, sowie die Fähigkeit vermittelt, fachübergreifende Zusammenhänge zu erkennen. Dazu soll in den Studiengängen vor allem die Vermittlung transferfähigen Grundwissens und von Schlüsselqualifikationen betont werden. Ferner soll es die Absolventen befähigen, sich in einem zweiten Studienabschnitt unmittelbar anschließend (Masterstudium) oder später innerhalb oder außerhalb der Hochschule, auch während der Berufstätigkeit, kontinuierlich fort- oder weiterzubilden.

Vom Diplom hebt sich der Bachelor vor allem durch seine stärkere Anwendungs- und Berufsorientierung zu Lasten der Forschungsorientierung ab; ferner wird in den Studiengängen meist auf eine Zwischenprüfung (Vordiplom) sowie auf die Anfertigung einer umfangreichen Abschlußarbeit analog zur Diplomarbeit verzichtet. Eine Unterteilung in Grund- und Hauptstudium entfällt (Abb. 1).

Abb. 1: Struktur und Dauer von Bachelor-, Master-, Diplom- und Promotionstudiengang

Masterstudiengang

Nach erfolgreichem Abschluß eines Bachelorstudiums, ggf. nach einer zwischenzeitlichen Berufstätigkeit, kann ein Masterstudium im Umfang von 2-4 Semestern aufgenommen werden.

Das Masterstudium ist oft forschungsorientiert; dann bescheinigt der erfolgreiche Abschluß (Master of Science/Master of Computer Science o.ä.) den Erwerb zusätzlicher und vertiefter Kenntnisse und Fähigkeiten für eine berufliche Praxis in Forschung und Entwicklung und einen Beitrag zur wissenschaftlichen Erkenntnis durch Anfertigung einer Forschungsarbeit (Masterarbeit).
Eine andere Orientierung des Masterabschlusses können die postgradualen Studiengänge (s.u.) bieten.
Der Masterabschluß schließt in der Regel das Diplom ein.

Diese neue Gliederung der Abschlüsse in der Form Bachelor/Master/Diplom hat jedoch nur Sinn, wenn das Masterstudium nach Erwerb des Bachelors oder Diploms nicht zum Regelfall wird. Daher wird den Hochschulen die Möglichkeit eröffnet, den Zugang zum Masterstudium zu beschränken oder von fachlichen und inhaltlichen Voraussetzungen, insbesondere der Qualität des Bachelorabschlusses, abhängig zu machen.

Das Diplom wird in diesem Spannungsfeld eine Zwischenstellung einnehmen: Mit ihm verbindet sich das Bild eines Absolventen, der sich durch seine inhaltliche Breite verbunden mit einzelnen forschungsnahen Spezialisierungen sowohl für leitende Aufgaben in Wirtschaft und Verwaltung als auch für die Forschung qualifiziert hat.
 

Leistungspunkte/Credit points

Im traditionellen Prüfungssystem schließen Grund- und Hauptstudium jeweils mit einer großen Blockprüfung ab, zu der man aufgrund mehr oder weniger umfangreicher Vorleistungen, bescheinigt durch Leistungsnachweise ("Scheine"), zugelassen wird. Dieses Verfahren ist ungeeignet, um die vielfältigen Formen, nach denen aktuell studiert wird, zu erfassen: Vollzeit-/Teilzeitstudium, Hochschulwechsel, Fachwechsel, Wiederaufnahme des Studiums nach Unterbrechung/Berufstätigkeit/Babyjahr, Auslandssemester u.v.m. Probleme sind u.a. die Sicherstellung von erworbenen Zwischenresultaten, die Bereitstellung von Prüfern für früher einmal aufgenommenen Stoff, die Kompatibilität zwischen Studiengängen national und international usw. Durch das Leistungspunktesystem werden die Blockprüfungen durch studienbegleitende Prüfungsleistungen ersetzt. Entsprechend werden aus den Prüfungsordnungen der Studiengänge Graduierungsordnungen.

Das Modell im Überblick: Mit jeder Veranstaltung können Leistungspunkte (credit points, Bonuspunkte) erworben werden. Dazu schließt jede Veranstaltung mit einer benoteten Prüfung ab, die vielfältige Formen haben kann (mündlich, Klausur, Projekt, Vortrag o.ä., oder Kombinationen davon). Bei erfolgreichem Abschluß werden auf dem Leistungspunktekonto Punkte gutgeschrieben, deren Höhe sich nach dem Umfang der Veranstaltung richtet. Als geeignet (in Relation zu national und international gebräuchlichen Veranstaltungsformen und Stoffumfängen) werden 1,5 Punkte je Semesterwochenstunde der Veranstaltung angesehen. Hinzu kommt die erworbene Einzelnote. Bei Nichtbestehen der Prüfungsleistung werden von einem Guthabenkonto, das für jeden Student zu Beginn des Studiums angelegt wird, Punkte im gleichen Umfang abgezogen (Maluspunkte). Hiermit wird die Möglichkeit von Wiederholungsprüfungen nachgebildet: Reicht das Guthaben zum erfolgreichen Abschluß des Studiums nicht mehr aus, ist das Studium endgültig nicht bestanden, und der Student wird exmatrikuliert. Sobald das Leistungspunktekonto den erforderlichen Stand erreicht hat, ist das Studium erfolgreich beendet. Die erworbene Note ergibt sich durch ein mit den jeweils zugehörigen Leistungspunkten gewichtetes Mittel der Einzelnoten.

Die Vorteile dieses Verfahrens werden vor allem in folgendem gesehen:

Nationale und internationale Vereinbarungen über die Anrechnung von Studienleistungen sichern umfassende Freiheiten bei Wahl und Wechsel des Studienortes unter Erhalt aller bisher erbrachten Studienleistungen. Favorisiert werden hier vor allem auf europäischer Ebene das European Credit Transfer System ECTS [12] und national innerhalb der Informatik das vom Fakultätentag Informatik vorgeschlagene Kreditpunkte-Akkumulierungs- und -Transfersystem KATS [14].

Als Beispiele, in denen eine Reihe dieser Konzepte umgesetzt wurden, seien die Entwürfe der Studien- und Graduierungsordnung des Instituts für Informatik der Universität Postadm genannt [16].
 

Veranstaltungen in Englisch

Eine Reihe von Fachbereichen ist dazu übergegangen, Teile des Studiums, insbesondere in den Masterstudiengängen, ganz oder teilweise in englischer Sprache abzuhalten. Oftmals wird bei Dozenten und Hörern von Lehrveranstaltungen die Kenntnis der deutschen Sprache grundsätzlich nicht mehr vorausgesetzt. Beispielhafte Maximen für die Wahl der Vorlesungssprache (so beim Studiengang Softwaresystemtechnik der Universität Potsdam [9]): Der (ausländische) Dozent wählt, ob er Deutsch oder Englisch vorträgt; spricht jemand im Auditorium kein Deutsch, wird die Veranstaltung in Englisch durchgeführt.
 

Postgraduales Studium

Im boomenden Bildungsmarkt nimmt nicht nur die Erstausbildung einen breiten Raum ein; vielmehr kommt der Fort- und Weiterbildung eine wachsende Bedeutung zu. Dies wird zu einer Vielzahl neuer Studiengänge führen, die ebenfalls oft mit einem Masterabschluß enden. Gegenüber dem o.g. forschungsorientierten Masterabschluß, der in der Regel an ein Fach angebunden und von dessen Gegenständen geprägt ist, werden sich die prostgradualen Masterstudiengänge vor allem an aktuellen Berufsfeldern orientieren, in hohem Maße interdisziplinär und gebührenpflichtig (!) sein. Um akzeptiert zu werden, müssen diese Studiengänge relativ schnell aktuellen Entwicklungen angepaßt und flexibel um neue Inhalte ergänzt werden. Beispiel für einen Studiengang in dieser Kategorie ist der Masterstudiengang Public Management an der Universität Potsdam [10].
 

Erste Erfolge des Maßnahmenkatalogs

Nach [1,2,7] hat sich die Zahl ausländischer Studierender an deutschen Hochschulen im WS 1998/99 von 146.000 im WS 1995/96 auf ca. 166.000 erhöht. Der Anstieg um rd. 14% innerhalb von drei Jahren belegt den Erfolg der eingeleiteten Maßnahmen. Dazu beigetragen haben auch eine verbesserte Ausländergesetzgebung und soziale und fachliche Betreuung ausländischer Studierender, z.B. durch ein "Servicepaket" des Deutschen Studentenwerkes [8], das Unterbringung, Verpflegung, Semesterbeitrag und Betreuung umfaßt, und erhöhte Marketinganstrengungen aller Beteiligten für den Wissenschaftsstandort Deutschland.
Insgesamt ist der Anteil ausländischer Studienanfänger in den Jahren von 1975/76 bis 1998/99 von 7% auf 17% gestiegen.
 

Was bringt die Zukunft?

Literatur

[1] J. Hahlen: Die Hochschulwelt in Zahlen, Forschung&Lehre, Heft 1 (2000) 23-25
[2] J. Hahlen: Statement von Präsident Johann Hahlen zur Pressekonferenz "Hochschulstandort Deutschland", Statistisches Bundesamt 1997
<http://www.statistik-bund.de/presse/deutsch/pm/hschul.htm>
[3] BMBF: Hochschulen für das 21. Jahrhundert - Diskussionspapier zur geplanten Novelle des Hochschulrahmengesetzes, 1997
<http://www.hrz.th-darmstadt.de/fsmathe/hopo/BMBF.HRG-Novelle.1-97.html>
[4] Hochschulrektorenkonferenz: Attraktivität durch internationale Kompatibilität, 1996
<http://www.hrk.de/texte/archiv/entschliessungen/Plen179_3.htm>
[5] KMK: Bericht "Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Studienstandortes Deutschland", 1996 (1. Bericht), 1997 (2. Bericht), 1999 (3. Bericht)
[6] Hochschulrahmengesetz in der Fassung v. 20.8.1998
<http://www.bmbf.de/deutsch/veroeff/gesetze/hrg.htm>
[7] Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung: Deutschland international als Studienstandort wieder attraktiver, Pressemitteilung 34/1999 v. 25.10.1999
<http://www.blk-bonn.de/presse99-34.htm>
[8] Studentenwerk Potsdam: Service-Paket für ausländische Studierende
<http://www.studentenwerk.potsdam.de/wohnen.html#servicepaket>
[9] Universität Potsdam: Studiengang Softwaresystemtechnik
<http://www.hpi.uni-potsdam.de/studium.html>
[10] Universität Potsdam: Studiengang Public Management
<http://www.uni-potsdam.de/u/mpm>
[11] Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Einführung neuer Studienstrukturen und -abschlüsse (Bakkalaureus/Bachelor - Magister/Master) in Deutschland, 2000
<http://www.wissenschaftsrat.de/texte/4418-00.pdf>
[12] Die Europäische Kommission: ECTS - European Credit Transfer System,
<http://europa.eu.int/comm/education/socrates/ects.html>
[13] Bundesregierung: Maßnahmenpaket zur Steigerung der Attraktivität des Wissenschafts- und Studienstandorts Deutschland im internationalen Wettbewerb, Pressemitteilung 1996
<http://www.bundesregierung.de/05/0511/jahrb96/t01926.htm>
[14] Fakultätentag Informatik: Beschlußvorlage zum European Credit Transfer System (ECTS), 1998
<http://www.ft-informatik.de/protokolle/prot50-KA-98_Anlagen.pdf>
[15] K. Reumann: Bachelor, Master, Diplom - Wildwuchs und Traditionstreue an deutschen Hochschulen, Frankfurter Allgemeine, 04.03.00
[16] Universität Potsdam: Entwürfe der Ordnungen für die Studiengänge Informatik, 1999
<http://www.cs.uni-potsdam.de/stud_info/sto_bama.htm>
<http://www.cs.uni-potsdam.de/stud_info/po_ba.htm>
<http://www.cs.uni-potsdam.de/stud_info/sto_dipl.htm>
<http://www.cs.uni-potsdam.de/stud_info/po_dipl.htm>

Wichtige Informationsquellen:

Hochschulrektorenkonferenz: http://www.hrk.de
Bundesministerium für Bildung und Forschung: http://www.bmbf.de
Kultusministerkonferenz: http://www.kmk.org
Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung: http://www.blk-bonn.de
Zeitschrift Forschung&Lehre: http://www.forschung-und-lehre.de
Wissenschaftsrat: http://www.wissenschaftsrat.de
Fakultätentag Informatik: http://www.ft-informatik.de
 

Adresse

Prof. Dr. Andreas Schwill
Lehrstuhl für Didaktik der Informatik
Universität Potsdam
Postfach 60 15 53
14415 Potsdam
Email: schwill@cs.uni-potsdam.de
WWW: http://didaktik.cs.uni-potsdam.de

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